Biographie
Pia Imbar
Stimme, Geste und Spur
Als bildende Künstlerin und lyrische Sängerin (Mezzosopran) arbeite ich seit mehreren Jahren an der Schnittstelle zweier Disziplinen: dem grafischen Ausdruck — Zeichnung, Malerei, visuelle Performance — und dem Gesang.
Jede Disziplin existiert in meinem Leben eigenständig, mit ihren eigenen Anforderungen und Rhythmen. Ausstellungen, Konzerte, manchmal beides in einem einzigen Ereignis vereint — jede Kunst für sich. Doch die Frage, die meine Forschung leitet, ist die ihrer Begegnung: Wie kann die grafische Geste zu einer vollwertigen szenischen Handlung werden, getragen von der Sängerin selbst — nicht als Illustration oder Kulisse, sondern als lebendige Präsenz, untrennbar vom vokalen Akt?
Das nenne ich Canōgraphie: die Begegnung zwischen grafischer Geste und der singenden Stimme. Sie kann viele Formen annehmen — Live-Zeichnung, Malerei, Lichtspur — und setzt nicht notwendigerweise Gleichzeitigkeit voraus. Gesang und Geste können sich verflechten, abwechseln, ineinander atmen — je nach dramaturgischer Struktur. Gleichzeitigkeit ist eine Möglichkeit, die ich erforsche — unter anderen.
Die Szenographie nährt diese Forschung: den Raum als Architektur der Präsenz, des Atems, des Körpers zu denken, der in Echtzeit schöpft.
Meine Gesangsausbildung begann am Conservatoire de musique d'Orléans und wurde in Privatstunden fortgesetzt, parallel zu meinem Szenographiestudium an der Universität Mozarteum Salzburg, wo ich 2022 meinen Magister erwarb. Die Canōgraphie wurde vom Mozarteum und vom Österreichischen Kulturforum unterstützt. Sie wurde in Frankreich, Österreich, Spanien, Deutschland und Ungarn präsentiert.
Eine stillere Neugier durchzieht all das: das Interesse für das, was sich spüren, aber nicht sehen lässt — Atem, Apnoe, die innere Architektur des singenden Körpers. Diese Erkundung trägt den Namen Interozeption — Mapping the Felt Body in Singing — und entstand in meiner Szenographiearbeit als szenisches Element und wurde seither beim Mozarteum Research Competition vorgestellt.
Canōgraphie
Mit Licht und Atem zeichnen: Stimme und Geste verschmelzen
von Pia Imbar
Die Canōgraphie ist eine von mir entwickelte vokale und visuelle Praxis, in der Gesang zur grafischen Geste wird. Durch das Anbringen leuchtender Manschetten an den Unterarmen der Interpretin und die Langzeitbelichtung ihrer Bewegungen entstehen Lichtspuren, die die emotionalen und körperlichen Nuancen des Gesangs sichtbar machen, ohne die natürliche Haltung der Sängerin zu verändern.
Das Wort Canōgraphie , gebildet aus dem lateinischen canō („ich singe“) und dem griechischen graphein („schreiben, zeichnen“), bezeichnet diese verkörperte Form der Kalligrafie, in der Stimme und Geste in einem gemeinsamen Atemzug verschmelzen. Anders als bei einer äußeren Aufnahme oder bewussten Illustration geht es hier darum, die intime Gestik des Gesangs sichtbar zu machen — jene, die spontan aus dem Atem, dem Phrasieren und dem inneren Impuls entsteht.
Diese Forschung entspringt meinem Wunsch, meine beiden künstlerischen Praktiken — Gesang und Zeichnung — miteinander zu verbinden. Erste Versuche, gleichzeitig mit Kohle zu zeichnen und zu singen, zeigten die physische Unvereinbarkeit dieser beiden Handlungen. So entwickelte ich ein Verfahren, bei dem die Zeichnung auf natürliche Weise aus der vokalen Geste hervorgeht, ohne den Gesangsvorgang zu unterbrechen.
Ich fühle mich besonders den meditativen und sakralen Dimensionen verbunden, die Gesang und Kalligrafie gemeinsam haben. Die Canōgraphie reiht sich in diese Tradition ein, indem sie flüchtige Momente innerer Resonanz sichtbar macht — nicht nur im Klang, sondern auch im Raum und im Licht. Die daraus entstehenden Bilder erinnern oft an abstrakte Kalligrafie, an eine spontane Übersetzung des gelebten Gesangs.
Jede Sitzung wird zu einem Dialog zwischen Atem, Geste und Bild. Durch diesen Prozess strebe ich sowohl danach, visuell berührende Kompositionen zu schaffen als auch das Bewusstsein für den gesungenen Atem und die Geste in ihrer Kontinuität, Innerlichkeit und Ausdruckskraft zu vertiefen.
Interozeption
Von innen zeichnen: die innere Architektur der Stimme sichtbar machen
von Pia Imbar
Der lyrische Gesang mobilisiert das gesamte Sein — Körper, Atem, Erinnerung, Empfindung. Es geht nicht nur darum, einen Klang zu erzeugen, sondern eine Präsenz vollständig zu verkörpern. Mit jeder musikalischen Phrase entfaltet der Sänger Spannungen, Elastizitäten und feine innere Landschaften. Diese Zeichnungen versuchen, dem, was gespürt, aber nicht gesehen wird, eine Form zu geben: Sie wollen das Unsichtbare kartieren.
Diese grafische Forschung entspringt meiner eigenen Praxis des klassischen Gesangs und des Apnoetauchens und wurde aus einer persönlichen Notwendigkeit geboren: der Erforschung, wie die Interozeption — das Wahrnehmen innerer Empfindungen — den stimmlichen Ausdruck unterstützt. Das Apnoetauchen hat mich eine neue Dimension der Entspannung und Stressbewältigung gelehrt und mich dazu gebracht, die innere Stille zu beobachten. Auch der Gesang gründet sich auf eine innere Körperarchitektur — vom Zwerchfell bis zum Nasenrachenraum, vom Kreuzbein bis zur Fontanelle —, die eher gespürt als bewusst kontrolliert wird.
Diese Bilder sind weder medizinisch noch symbolisch. Sie zeichnen Spannungen, Volumina, Vibrationen und Resonanzen nach: etwa einen sich dehnenden Muskel, einen sich öffnenden Brustkorb oder eine Unterstützungs¬linie, die sich wie ein „elastisches Band“ durch den Oberkörper spannt. Manchmal konzentriere ich mich auf ein bestimmtes Empfinden, manchmal entwerfe ich eine umfassende Vision des singenden Körpers. Es geht nicht darum, Anatomie zu illustrieren, sondern eine erlebte, poetische und funktionale Kartografie der verkörperten Stimme zu offenbaren.
Diese grafische Herangehensweise steht auch im Mittelpunkt eines laufenden Forschungsprojekts, das ich gemeinsam mit dem Regisseur Quentin Delépine durchführe. Ziel ist es, das pädagogische und szenische Potenzial der Visualisierung interozeptiver Empfindungen bei Sängern und Gesangspädagogen zu erforschen.